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An die Menschen, die ich liebe ...

 

Milljöh / Milieu 

 

...ist ein soziales und künstlerisches Experiment.

 

Ausgangspunkt dieses Projektes ist das Werk des Künstlers und Fotografen Heinrich Zille, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts Menschen in Berliner Arbeiterbezirken zeichnete und fotografierte. Sein privilegierter Blick widmete sich all jenen, die in einer Zeit der großen gesellschaftlichen Umbrüche versuchten, ihr Leben in der sich damals rasch vergrößernden Metropole Berlin zu meistern. Er zeichnete das Berliner Milljöh und wollte somit von den Menschen, die sonst nicht in der Kunst zu finden sind, Abbilder schaffen. Aber er exponierte die Menschen dadurch, teils auch auf voyeuristische Weise.

Ich, Anastasia, habe mir im Rahmen der Arbeit Milljöh / Milieu dasselbe vorgenommen. Nur circa 100 Jahre später und mit Respekt gegenüber der Menschenwürde. Das einst abwertende Berliner Wort „Milljöh“ für arme und gesellschaftlich marginalisierte Menschen, zu welchen z.B. Sex-Arbeiter*innen gehörten, habe ich durch den Begriff Milieu ersetzt. Ein Bezug zum Begriff des sozialen Milieu, das wertneutral gesellschaftliche Gruppen in Verbindung zu ihren Wertvorstellungen und Prinzipien der Lebensführung versucht zu bezeichnen, ist ebenfalls beabsichtigt.

Milljöh / Milieu beinhaltet Zeichnungen, die ich im Jahr 2020 von Menschen erstellt habe, die ich normalerweise nicht kennenlernen würde. Ich hatte mir vorgenommen, dafür in den ehemaligen Arbeiterbezirk Berlin-Hellersdorf zu gehen. Die Wahl fiel auf diesen Stadtteil, weil ich bei der zeitgenössischen Berichterstattung über den Bezirk das Gefühl hatte, dass sie teilweise ähnlich despektierlich und voyeuristisch ausfällt wie Zilles Blick auf das Milijöh. Ich wollte solche Leute treffen, mit ihnen reden, sie porträtieren und sie dazu einladen, während unserer Gespräche auch mich mittels ihnen bekannter Techniken zu zeichnen. 

 

Mein ursprünglicher Plan wurde dann aber durch die COVID-19-Pandemie zerschlagen. Gleichzeitig brachte Corona neue Chancen für das Projekt. 

 

Seit dem 11. März 2020, als die Weltgesundheitsorganisation den Pandemie-Zustand ausrief, wurde das öffentliche Leben sehr begrenzt. Ein paar Wochen später erstand eine 1,5-Meter-Gesellschaft, fast weltweit. Coronavirus-Gegenmaßnahmen verursachten Wirtschaftskrisen, die Distanz zwischen sozialen Schichten wurde noch größer. Damit wurde meine ursprüngliche Projektgruppe noch mehr benachteiligt. Ich konnte die Leute, die teilweise ihre Arbeit verloren hatten und sich mit ihren Kindern in Homeschooling und Home-Kindergarten beschäftigten, nicht noch zusätzlich mit Projektaktivitäten belästigen. Projekttermine wurden abgesagt, Interviews fanden nicht statt. Ich selbst war in Panik, da ich nicht wusste, was mich erwartete, denn normalerweise finden alle meine beruflichen und privaten Aktivitäten im öffentlichen Raum statt und waren mit Kommunikation in der Gesellschaft verbunden. 

Alle Menschen weltweit wurden getroffen, alle haben etwas verloren, alle wurden benachteiligt. So kam ich auf die Idee, den Projektumfang während der Pandemiezeit zu erweitern, da alle eine Geschichte zu erzählen haben, weil ihre Sorgen größer geworden sind. Ich versuchte immer noch, mich auf die ursprüngliche Schicht zu fokussieren, erlaubte aber auch die Teilnahme aus anderen Ländern und sozialen Gruppen. Ich wollte in einer Zeit der Ausgrenzungen und Distanzierung nicht noch weitere Entfernung zwischen Menschen schaffen. Wer eine Geschichte zu erzählen hatte, hat im Projekt einen Raum dafür bekommen, sodass wir zusammen ein Hauch öffentlichen Lebens gewinnen konnten. 

 

So sprach ich mit Friseuren und Ärzten, Künstlern und Ingenieuren, Studenten und Hausmeistern, Flaschensammlern und Arbeitslosen, Hausfrauen und Postboten, mit Obdachlosen und Straßenbauern. Ich sprach mit Unbekannten, zeichnete sie, und sie zeichneten und beobachteten mich. 

Sie erzählten mir die Geschichten ihres Lebens und erwähnten immer wieder, wie COVID-19 ihr Leben beeinflusste. So entstand mein Material – in Wort, in Tinte, im gesellschaftlichen Experiment und in der Selbstreflexion, die ich in der Arbeit dokumentiert habe.

 

Ich bin keine Gesellschaftswissenschaftlerin, keine Schriftstellerin, keine Psychologin, obwohl ich mich immer für gesellschaftliches Leben, Soziologie und Journalismus interessiert habe. Ich bin Grafikerin und Kommunikationsdesignerin und ich habe Kunst im Kontext studiert. In dieser Arbeit sollte ich all diese Themen zusammenführen und im Laufe des Projektes all diese Berufe ausüben. 

 

Während meine Teilnehmer sprachen, versuchte ich, sie durch das Prisma der soziologischen Konzepte von Pierre Bourdieu zu beobachten, um zu sehen, inwiefern die Konzepte bei meinen Gesprächspartnern wieder zu finden waren. Es stellte sich heraus, dass die Beobachtung gegenseitig war. Das beunruhigte mich und ich musste über mein Schatten springen und dazu stehen, wozu ich eingeladen hatte – mich zeichnen zu lassen. 

Dabei konnte ich mich nur in meinem Zeichnen «verstecken». Die Menschen erzählten ihre Geschichten sehr wahrheitsgetreu, öffneten ihre Seelen, ließen mich in ihr persönliches Leben eintauchen. Ich bat sie nicht, für mich zu posieren, denn ich fand, auf diese Weise wurden die Porträts natürlicher, wahrhaftiger und vermittelten den Charakter der Menschen besser. Die Geschichten, die ich nicht vor Ort niederschrieb, rekonstruierte ich dann während ich mir die Portraits anschaute. Ich konnte mich an jedes Wort, an jede Nuance erinnern. Ich konnte meine Gefühle, die ich während des Interviews gehabt hatte, nocheinmal erleben. Es war einmaliges Gefühl, das ich als Künstler noch nie so durchlebt hatte. 

 

Ich behauptete zu wissen, warum eines meiner Gegenüber z. B. eine bestimmte Falte im Gesicht hatte und warum es so lächelte oder zu Seite schaute. Als ich die Portraits, die mich zeigten, studierte, konnte ich sofort sehen, wie gut oder schlecht ich mich in dem Moment verstecken konnte, und wann ich mich so zeigte wie ich mich fühlte.

 

Das Projekt war für mich eine großartige Lebenserfahrung – ich habe mich bewusst entschieden, das Experiment durchzuführen, aber mittendrin wusste ich nicht mehr, ob es noch ein künstlerisches Experiment oder das wahre Leben war. 

 

Zusätzlich zum Experiment erstand eine Chronik der Gegenwart der einfachen Menschen in der Pandemie-Zeit. So wird die Arbeit auch für die Geschichte der COVID-19 Pandemie relevant. 

 

Die Geschichten, Essays und Grafiken des Projekts sind auf der Website dokumentiert und können unter https://anastasiausatova.wixsite.com/mmmm aufgerufen werden. Meine Idee ist, weiter Geschichten zu sammeln und die Website als offenes "lebendiges Buch" zu erweitern.